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Erzählnacht
Geschichten aus der Erzählnacht
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Geschichten aus der Erzählnacht

Bilderbuch Schrecken aller Monster

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Die Zwergenhochzeit

Als ein junger Mann aus Guttannen eines Tages im tiefsten Winter von seiner Hütte in die Berge ging, um sein Losholz zur Heimfahrt zu rüsten, hörte er hinter einem Felsen plötzlich ein Wimmern, als ob ein Kind schreie. Unerschrocken sprang der Mann mit erhobener Axt hinter den Fels. Dort sah er zwischen den Tannstämmen einen abscheulichen Stollenwurm, der mit den Ringeln seines Leibes etwas zu erwürgen suchte. Beherzt sprang der Mann hinzu und schlug dem Untier mit seiner Axt den Kopf entzwei, daß schwarzes Blut den Schnee ringsum verfärbte. Erst jetzt bemerkte der Mann, daß der Stollenwurm einen Zwerg zu erwürgen versucht hatte. Er nahm den Zwerg auf seine Knie, rieb ihm die Schläfen und träufelte ihm aus seiner Flasche einige Tropfen Enzianwasser ein. Endlich schlug der Zwerg die Augen auf. «Kennst du mich nicht?» fragte er dann. Hans besann sich. Er musterte den kleinen Kerl von Kopf bis zu Fuss.
«Gesehen, sagte er, «habe ich dich noch nie.»
«Macht nichts», sagte der Zwerg. «Aber du hast mich gerettet. Ich wollte eben meine Braut besuchen, denn heute über acht Tage wollen wir Hochzeit halten. Du sollst auch dabei sein. Ich lade dich und deine Braut dazu ein.» Damit war der Zwerg verschwunden.
Als der Mann am Abend seinem Mädchen das Abenteuer mit dem Stollenwurm erzählte, war es sehr erstaunt und berichtete ihm von einem Traume, den es gehabt habe. Sie habe in einer Blumenwiese geschlafen, da sei ein winziges Männlein gekommen und habe ihr die Blumen gebracht und sie zur Zwergenhochzeit eingeladen. Nun war kein Zweifel mehr daran. Als der Hochzeitstag anbrach, schlichen beide im Festgewand ungesehen daheim fort. Denn der Vater des Mädchens wollte seine einzige Tochter einem reichen Burschen zur Frau geben. Rasch stiegen sie hinter dem Dorfe den Grimselweg hinan. Als sie zur letzten Hütte der Handeck kamen, sprang die Tür auf und eine Schar festlich geschmückter Zwerge trat heraus. Der älteste Zwerg teilte ihnen mit, dass sie oben im Rätrichsboden erwartet werden. Dort war in aller Pracht die Hochzeit vorbereitet. Ein rotes Zelt stand aufgerichtet und kleine Musikanten spielten auf. Da kam auf einem zierlichen Wagen der Zwergenkönig mit seiner Braut herangefahren und begrüsste die Ankömmlinge. «Heute feiere ich mein Glück !» rief der Zwergenkönig, «du übers Jahr das deine !» .
Drei Tage dauerte die Hochzeit. Zum Abschied begleitete das Hochzeitspaar die beiden Dorfleute bis zum Schwiböglein im Rätrichsboden. Dort bückte sich der Zwergenkönig, hob drei Steine auf und gab sie dem jungen Mann. «Bewahre sie wohl» sprach er, «bedarfst du meiner, so wirf einen Stein ins Wasser und rufe mich.» Mit diesen Worten nahmen sie Abschied voneinander. Im Dorf wurden die beiden übel empfangen. Der Vater des Mädchens schalt sie eine liederliche Dirne und verbot ihr ein für alle Male den Umgang mit dem Burschen. Da gab es trübe Tage. Herzenskummer trieb den jungen Mann fast zur Verzweiflung.
Eines Nachts erwachte der junge Mann. Vor dem Fenster war der Himmel glutrot gefärbt. Das Haus seiner Herzallerliebsten stand in Flammen. Alle Hilfe war zu spät. Da warf der junge Mann einen Stein, den der Zwerg ihm geschenkt hatte, in den Brunnentrog, und schon standen das Mädchen und ihre Eltern vor ihm und waren aus dem lodernden Brand gerettet. Das Haus aber, das schönste im ganzen Tal, lag in Schutt und Asche. Der junge Mann nahm das Mädchen und seine Eltern zu sich in sein ärmliches Haus. Aber noch viel ärmer war der reiche Bauer, der all sein Hab und Gut verloren hatte. Jetzt weigerte er sich nicht mehr, dem jungen Mann die Hand seiner Tochter zu geben, denn der reiche Bursche wollte nichts mehr von dem Mädchen wissen, das nun arm wie eine Kirchenmaus war.
Vor dem Kirchgang warf der junge Mann einen zweiten Stein in den nahen Bach, denn er wünschte sich nichts sehnlicher, als daß die Zwerge an seiner Hochzeit auch dabei wären. Als sie am Hochzeitsmorgen zur Türe heraustraten, stand eine prächtige Kutsche mit einem prächtigen Gespann von zwei Schimmeln vor der Tür. Da setzte sich das junge Paar in die Kutsche, und ohne Hüst und Hot zogen die weissen Pferde die Kutsche vor die Kirche. Und als sie wieder nach Hause kamen, stand ein Tisch reich gedeckt mit vollen Schüsseln und Platten bereit, und niemand, ausser dem jungen Brautpaar, wusste, wer da heimlich an der Arbeit gewesen war.
Den dritten Stein bewahrte sich der junge Mann aber auf, denn wer konnte wissen, wann er ihn einmal in höchster Not brauchen konnte.




Der geraubte Schlaf

Es war einmal ein reicher, kluger und gütiger König. Er war so reich, dass er in einem Schloss aus purem Gold wohnte, er war so klug, dass sich alle Gelehrten des Landes um ihn versammelten und ihn um Rat fragten, und er war so gütig, dass die Blumen und Gräser sich vor ihm neigten und die scheuen Tiere herbeikamen, wenn er durch die Wälder und über die Felder seines Landes ritt.
Aber trotzdem war der König nicht glücklich, denn seine einzige schöne Tochter, die er über alles liebte, hatte ein großes Unglück getroffen.
Als die Prinzessin eines Tages mit ihrem goldenen Ball durch den Wald hüpfte, zertrat sie beim Spielen ganz ohne Absicht einen kleinen Fliegenpilz. Der Wurzelgeist, welcher Herr über alles ist, was im Walde wächst, wurde darüber so böse, dass er beschloss sich zu rächen, und eines Nachts schlich er sich heimlich ins Schloss und raubte der Prinzessin ihren Schlaf. Die Prinzessin war erschreckt aufgewacht und hatte gerade noch den hässlichen braunen Wurzelgeist davoneilen sehen.
Da lag nun die arme Prinzessin in ihrem goldenen Bett mit brennenden Augen, die der Schlaf nicht mehr schloss, und wurde von Tag zu Tag blasser und elender. Der König liess die berühmtesten Ärzte kommen, aber auch sie konnten der Prinzessin nicht helfen und bald ging die traurige Kunde durchs Land, dass die Prinzessin wohl sterben müsse, wenn ihrder Schlaf nicht bald zurückgegeben würde. Der König schickte viele beherzte Männer in die Wälder, um den Wurzel- geist zu fangen und ihm den Schlaf der Prinzessin wieder abzunehmen, aber niemand wusste, wo der Wurzelgeist wohnte, denn sein unterirdisches Reich war gross und in jedem Erdloch konnte er sich verstecken. Da wurde der König so verzweifelt, dass er versprach, demjenigen, der seiner Tochter den Schlaf wiederbrächte, jeden Wunsch zu erfüllen und wenn er auch das ganze Königreich fordere.
Zu dieser Zeit wanderte ein Musikant durchs Land und eines Tages kam er auch an den königlichen Hof. Weil der König hoffte, seine Tochter mit Musik ein wenig aufzuheitern zu können, ließ er den Geiger zu sich führen und bat ihn, der Prinzessin vorzuspielen. Und dieser spielte so schön, dass alle, die ihm zuhörten, ganz verzaubert waren. Auch die Prinzessin lächelte zum ersten Male wieder. Aber selbst die zartesten Töne der Geige konnten sie nicht in den Schlaf wiegen. Da wurde der Musikant traurig und beschloss, der Prinzessin zu helfen.
Noch am gleichen Tage machte er sich auf; um den Wurzelgeist zu suchen. Er wanderte drei Tage und drei Nächte durch den Wald, schaute in jedes Erdloch und unter jeden Stein, rief den Namen des Wurzelgeistes in die Lüfte und fragte jeden, der ihm begegnete, nach ihm, aber vergeblich. Müde und hungrig setzte er sich endlich am Fuss eines riesigen, hoh- len Baumes nieder und um seine trüben Gedanken zu verscheuchen, geigte er sich ein lustiges Lied. Da regte sich plötzlich etwas in dem hohlen Baumstumpf hinter ihm und aus dem Astloch schaute das braune, runzelige Gesicht eines kleinen Männchens hervor. Der Musikant wusste sofort, dass dies der Wurzelgeist sein muss- te, aber er ließ sich nichts anmerken.
"Was ist das für ein Ding, von dem die schönen Töne kommen?", fragte der Wurzelgeist. "Ich möchte diesen braunen Kasten haben, was willst du dafür?"
Der Musikant bedachte sich, dann sagte er: "Zeig mir alles, was dir gehört, ich werde mir dann etwas aussuchen."
Der Wurzelgeist lachte vergnügt: " Wenn du willst, können wir gleich gehen."
Er klatschte in die Hände, da wurde am Fuss des Baumes eine Treppe sichtbar; die stiegen sie hinunter und immer tiefer und tiefer ging‘s hinab, bis sie endlich in einen grossen Saal kamen, in dem überall Truhen und Kisten standen, angefüllt mit Perlen, Gold und Edelsteinen. Der Wurzelgeist hob einen Deckel nach dem anderen auf und fragte: „Willst du dies, willst du das?"
Aber der Geiger schüttelte jedes Mal mit dem Kopf. "Nein, nein, meine Geige ist viel, viel kostbarer."
Endlich kamen sie an das letzte Kästchen, das ganz aus Elfenbein geschnitzt war; als aber der Geiger seine Hand danach aus- streckte, rief der Wurzelgeist schnell: "Das kannst du nicht bekommen. "
Der Geiger bat jedoch, er möchte wenigstens sehen, was in dem Kästchen sei. Da öffnete der Wurzelgeist das Kästchen und der Musikant erblickte darin ein gläsernes Fläschchen und als er das Fläschchen herausnahm, schaute er in eine blaue, unendliche Tiefe, auf deren Grund goldene Träume tanzten. Es war der Schlaf der Prinzessin. "Wenn du meine Geige haben willst, musst du mir dieses Fläschchen geben", sagte der Geiger.
"Nein, nein", schrie der Wurzelgeist, "das kannst du nicht haben!"Da stellte sich der Musikant mitten in den grossen Saal, hob seine Geige ans Kinn und spielte die schönsten Weisen, die ihm einfielen. Als die ersten Töne erklangen, kamen Maulwürfe, Mäuse, Würmer, Käfer und viele, viele andere Tiere aus ihren Löchern hervorgekrochen und lauschten und er spielte, bis er vor Müdigkeit fast umfiel. "Bleib bei uns", flehten die Tiere. "Deine Musik bringt uns Freude in unser Leben hier unter der Erde, bleib bei uns mit deinem braunen Kasten."
"Das geht nicht", antwortete der Geiger, "ich bin doch ein Mensch und gehöre auf die Erde. Aber ich will euch meine Geige hier lassen, wenn mir der Wurzelgeist das kleine weisse Kästchen schenkt. Ihr müsst ihn nur darum bitten."
Das taten die Tiere, aber der Wurzelgeist hörte nicht auf sie, er hielt das Kästchen mit beiden Händen fest und schrie, dass er es nie herausgeben würde. Da wurden die Tiere böse. Die Maulwürfe drohten, dass sie alle Zugänge zur Erde zuschütten wollten, und die Mäuse wisperten, dass sie ihm keinen Wintervorrat mehr her- beischaffen und ihn verhungern lassen würden. Als der Wurzelgeist das hörte, bekam er Angst und es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Musikanten das Kästchen zu geben und ihn auf die Erde zurückzubringen.
Der Musikant eilte nun, so schnell ihn seine Füsse trugen, nach dem königlichen Schloss zurück, wo er alle in tiefer Trauer fand, denn die Prinzessin lag still und weiss auf ihren Kissen und atmete kaum noch. Rasch nahm der Geiger das gläserne Fläschchen aus dem Elfenbeinkasten und tröpfelte der Prinzessin den Schlaf in die Augen, da tat sie einen tiefen Seufzer und schlief acht Tage lang. Und als sie dann ausgeschlafen hatte und erwachte, war sie schöner und lieblicher als je zuvor. Der König liess den Geiger zu sich kommen, dankte ihm aus vollem Herzen und fragte ihn, welchen Wunsch er ihm erfüllen sollte. Da bat der Musikant um eine neue Geige, denn er hatte doch seine alte beim Wurzelgeist lassen müssen. Der König befahl sofort, dass man die beste Geige im ganzen Land herbeischaffe, und er überreichte sie dem Musikanten.
"Dein Wunsch ist sehr bescheiden", sagte der König, "du hast für uns mehr getan, als wir dir jemals vergelten können."
"Herr König", antwortete der Musikant, ,"wenn ich mir noch etwas wünschen darf, so möchte ich hier am Hofe bleiben und der Prinzessin manchmal vorspielen. Ich bin des Herumziehens müde."
"Eine grössere Freude kannst du der Prinzessin nicht machen", sagte der König. "Ich weiss, dass sie dich und deine Geige lieb gewonnen hat. Du sollst bei uns bleiben, aber nicht als Musikant, sondern ich will dich zu meinem Nachfolger machen und dir meine Tochter zur Frau geben."
Da wurde dem armen Musiker ganz schwindlig vor Glück. Er fasste die Prinzessin bei der Hand und versprach, von nun an ihren Schlaf zu bewachen, damit ihn niemand mehr stehlen könne - und sie lebten lange Jahre in Glück und Freude zusammen.




Der geizige Ritter auf der Kastelen

Zwischen Alberswil und Gettnau, gleichsam als Wächter über dem Ettiswiler Feld, liegt der Burghügel KasteIen. Heute ist zuoberst noch eine stattliche Ruine, deren Mauern auf eine stolze Vergangenheit schliessen lassen. Hier schaltete und waltete einst Ritter Kuno. Er war begütert, wollte aber noch reicher werden. Gold war ihm alles, und seine Habsucht war weit und breit bekannt.
Stets sann er darüber nach, wie er seinen Reichtum vermehren könnte. So kam er auf den Gedanken, mit einem Teufelsbeschwörer zusammenzuarbeiten. Nach eifrigem Forschen gelang es Kuno, im Orient einen solchen ausfindig zu machen. Er nahm mit ihm Verbindung auf und lud ihn auf die KasteIen ein. Der Orientale erschien auf der Burg. Kuno unterbreitete ihm sein Anliegen und bat ihn, beim Teufel zu erwirken, dass er ihn zum reichsten Manne des Landes machte. Doch der Beschwörer wies darauf hin, dass das nur möglich wäre, wenn er dem Teufel zum voraus ein Gegengeschenk anböte. Kein Teufel leistet ohne Entgelt einen Dienst. Kuno war aber geizig. Dem Teufel einen irdischen Schatz zu geben, kam nicht in Frage. So bekundete er dem Beschwörer die Bereitschaft, dem Teufel seine Seele zu opfern. Das liess sich hören.
Der Teufel erschien in Zwergengestalt auf dem Schloss. Er trug eine Bärenmütze, womit er seine Hörner verdecken konnte. Ein Bocksfuss und ein dicker Stock aus einer armdicken Haselstaude deuteten auf das Kämpferische dieses Gastes hin. Der Beschwörer unterbreitete dem Beelzebub seine Wünsche und legte ihm dar, dass Kuno zum reichsten Mann werden wollte, dafür gerne seine Seele opferte.
Der Teufel hörte sich dieses Angebot an, kneifte die Augen, tänzelte ein paarmal um Kuno herum und nicktemit dem Kopf. Er sprach kein Wort. Doch mit dem Nicken des Kopfes hatte er sein Einverständnis gegeben.

Kaum hatte der Teufel mit den Augen ein zweites Mal gezwinkert, verwandelten sich die gewaltigen Steinmassen und Holzblöcke im Hof in Gold, in pures Gold. Doch dieses Gold blendete Kuno dermassen, dass er darob erblindete. Kuno geriet in höchste Angst, rannte etliche Male hin und her, und in der Ausweglosigkeit warf er sich dem Teufel in die Arme. 1m selben Augenblick verschwanden beide. Gleichzeitig erfüllte ein fürchterlicher Lärm die ganze Gegend und verschwunden waren auch die Schätze Gold. Im Schlosshof waren wie ehedem nun Steine und Holzbalken sichtbar.
Seither ist wieder Ruhe eingekehrt auf der Kastelen. Einzig am Karfreitag ereignet sich etwas Sonderbares. An diesem Tag, zur Mittagszeit, kommen einige Stücke Steine und Holz zum Vorschein. Wer das Glück hat und ein rechtes Stück findet, dieses mit nach Hause trägt, es während sieben Tagen in einer dunklen Truhe aufbewahrt, entdeckt am achten Tag darin Gold, sofern nichts Aussergewöhnliches dazwischenkommt.